StartRöstnotizenAusschankDie Röstkurve
M365 Barista Talk · LinkedIn

R-01 SharePoint & Teams

Copilot und Oversharing: SharePoint aufräumen, bevor du ausrollst

13.10.20269 MinutenDunkel · UmsetzungTeilen

Neulich beim Kunden, ein Maschinenbauer aus dem Bergischen Land, mittelständisch, gut aufgestellt, IT-Team mit drei Leuten für zwei Standorte. Der Auftrag: Copilot für Microsoft 365 ausrollen, vierzig Lizenzen, Pilotgruppe aus Vertrieb und Geschäftsführung. Der Rollout-Plan stand, die Schulungstermine waren gebucht.

Dann habe ich mir aus Gewohnheit die Data-Access-Governance-Berichte im SharePoint Admin Center angeschaut. Zehn Minuten später saß ich mit dem IT-Leiter vor einem Export mit über 600 breiten Freigaben. Darunter: eine Gehaltsliste aus 2021, ein Ordner mit Kundenverträgen und ein Team mit internen M&A-Unterlagen. Das Team war öffentlich. Sichtbar für alle 340 Mitarbeitenden, inklusive Werkstudenten.

Copilot hätte zumindest das M&A-Team ohne Umwege gefunden. Nicht weil Copilot ein Sicherheitsproblem ist, sondern weil er genau das tut, wofür er gebaut ist: Er sucht in allem, was der fragende Nutzer laut Berechtigung sehen darf, und präsentiert es in einer sauberen Antwort. Das Problem lag nicht bei Copilot. Es lag bei uns: drei Jahre Freigabe-Wildwuchs, den keiner aufgeräumt hat, weil „es ja noch nie ein Problem gegeben hat”.

Genau deshalb schreibe ich diesen Artikel. Dieses Szenario ist kein Einzelfall, sondern der Normalfall. Und Governance-Hausaufgaben vor einem Copilot-Rollout sind keine Kür mehr, sondern Pflichtprogramm.

Copilot deckt nichts Neues auf, er macht Altlasten sichtbar

Die unbequeme Wahrheit zuerst: Copilot erschafft kein neues Risiko. Jede Datei, die Copilot in einer Antwort zitiert, war vorher schon für den fragenden Nutzer zugänglich, über SharePoint, OneDrive oder Teams. Was sich ändert, ist die Findbarkeit. Vorher musste jemand wissen, dass die Gehaltsliste existiert, den Pfad kennen und sie manuell öffnen. Jetzt reicht eine Frage wie „Was verdienen die Abteilungsleiter im Schnitt?” und Copilot liefert die Antwort samt Quellenverweis.

Microsoft nennt das in der eigenen Dokumentation ziemlich unverblümt „Oversharing”. Berechtigungen regelmäßig zu prüfen, war schon immer gute Praxis. Nur hat das vor Copilot niemanden unter Druck gesetzt. Jetzt schon.

Hier lohnt ein genauer Blick, denn viele Admins schätzen die Lage falsch ein. Ein Freigabelink für „Personen in deiner Organisation” macht eine Datei für sich allein noch nicht für Copilot sichtbar. Der Zugriff entsteht erst, wenn jemand den Link tatsächlich anklickt. Ein Link, der vergessen in einer alten Mail liegt, ist also erst einmal eine schlafende Gefahr.

Wach wird sie in zwei Fällen. Erstens, wenn jemand den Link in einen großen Teams-Kanal postet und Hunderte draufklicken. Jeder Klick schafft echten Zugriff. Zweitens, und das ist der deutlich größere Hebel: Berechtigungen für „Jeder außer externen Benutzern” und öffentliche Sites. Eine öffentliche Site, und das ist der Standard, kann jede Person in der Organisation finden und ihre Inhalte öffnen. Genau diese Inhalte findet Copilot ohne jeden Klick vorher.

Freigabe Was Copilot sieht Priorität
Kritisch — „Jeder außer externen Benutzern” und öffentliche Sites oder Teams Alle Inhalte, für alle Mitarbeitenden, ohne vorherigen Klick Zuerst aufräumen
Mittel — organisationsweite Links, breit gestreut Inhalte für alle, die den Link angeklickt haben Danach angehen, vor allem Links in großen Kanälen
Gering — Links für bestimmte Personen Nur für die explizit benannten Personen Als neuen Standard setzen

Für deine Priorisierung heißt das: Räum zuerst die breiten Berechtigungen auf, dann die Links.

Wo Oversharing typischerweise entsteht

Aus der Projekterfahrung sind es fast immer die gleichen vier Quellen.

Erstens, „Jeder außer externen Benutzern”. Irgendwer hat diese Gruppe vor Jahren zu einer Site oder einem Ordner hinzugefügt, weil es schnell gehen musste. Seitdem sieht die ganze Firma alles darin.

Zweitens, öffentliche Teams. Ein schnelles Projekt, ein Team mit Standardeinstellungen, und schon liegen vertrauliche Unterlagen offen für alle. Dazu kommen Teams, deren Mitgliederliste nie wieder jemand angefasst hat, obwohl das Projekt längst abgeschlossen ist.

Drittens, breite Freigabelinks. Steht der Standard-Linktyp noch auf „Personen in der Organisation”, entstehen täglich neue Links mit viel zu großer Reichweite. Microsoft empfiehlt deshalb, die Freigabeeinstellungen für SharePoint und OneDrive von organisationsweiten Links auf Links für bestimmte Personen umzustellen. Tenantweit geht das in der SharePoint Online Management Shell:

# Standard-Freigabelink für den ganzen Tenant auf „Bestimmte Personen" setzen
Connect-SPOService -Url https://<tenant>-admin.sharepoint.com
Set-SPOTenant -DefaultSharingLinkType Direct

Direct entspricht „Bestimmte Personen”. Bestehende Links bleiben unberührt, nur neue entstehen ab sofort enger.

Viertens, vergessene Gastzugänge. Eingerichtet für einen einzelnen Workshop, danach munter weitergelaufen. Gastzugänge laufen nicht von selbst ab, wenn du nichts konfigurierst.

Keine dieser Ursachen ist exotisch. Das sind die immer gleichen Klicks, die sich über Jahre summieren.

SharePoint Advanced Management: das Werkzeug, das du jetzt brauchst

Microsoft hat mit SharePoint Advanced Management (SAM) genau für dieses Problem ein Toolset gebaut. Die gute Nachricht: Sobald in deinem Tenant mindestens ein Nutzer eine Microsoft 365 Copilot Lizenz hat, bekommen SharePoint-Admins Zugriff auf die SAM-Funktionen für das Copilot-Deployment. Für dich als Admin sind vor allem drei Bausteine relevant.

Data-Access-Governance-Berichte

Du findest sie im SharePoint Admin Center › Berichte › Datenzugriffsgovernance. Sie zeigen dir, wo es brennt. Der Sharing Links Report ist dabei ein Aktivitätsbericht: Er zeigt die Sites, auf denen in den letzten 28 Tagen die meisten neuen Links entstanden sind. Für Altlasten brauchst du die Snapshot-Berichte, etwa den Bericht, der alle Sites, Ordner und Dateien aufspürt, die über „Jeder außer externen Benutzern” oder „Jeder” faktisch öffentlich sind.

Site Access Reviews

Sie verlagern die Prüfung dahin, wo das Fachwissen sitzt. Die IT delegiert die Überprüfung überteilter Sites an deren Owner. Das funktioniert für die Top-100-Sites aus den Berichten. Statt dass die IT 400 Sites allein durchgeht, bestätigt oder korrigiert jeder Owner seine eigenen Berechtigungen.

Restricted Content Discovery (RCD)

RCD ist dein Notausgang. Du nimmst eine Site aus der Copilot-Suche und der organisationsweiten Suche heraus, ohne die Zugriffsrechte zu ändern. Nutzer mit Zugriff können die Dateien weiterhin direkt öffnen. Das passt für Fälle wie HR-Daten, die intern aus guten Gründen breiter zugänglich sind, aber nicht als Copilot-Antwort auftauchen sollen. Zwei Dinge solltest du wissen: RCD funktioniert nicht für OneDrive, und wer es übertreibt, verschlechtert die Ergebnisse von Suche und Copilot. Außerdem hat Microsoft nachgeschärft: Seit Ende Juli 2026 zeigen Copilot und die Suche Dateien von RCD-Sites auch dann nicht mehr an, wenn ein Nutzer sie kürzlich geöffnet hat.

Wichtig für die Erwartungshaltung: SAM räumt nicht automatisch auf. Es zeigt dir, wo aufgeräumt werden muss. Die eigentliche Arbeit, also Freigaben widerrufen, Owner briefen, Labels setzen, bleibt bei dir und den Fachbereichen.

INFO

Falls du noch Restricted SharePoint Search im Kopf hast: Neue Aktivierungen sind seit dem 31. Juli 2026 blockiert, die vollständige Abschaltung folgt am 31. Januar 2027 (MC1395311). Eine automatische Migration zu Restricted Content Discovery gibt es nicht.

Die Rolle von Microsoft Purview

Parallel zu SAM lohnt der Blick auf Purview, denn Sensitivity Labels und DLP bilden die zweite Verteidigungslinie.

Ein Sensitivity Label mit Verschlüsselung bindet Copilot an die Nutzungsrechte. Der Nutzer braucht die Rechte EXTRACT und VIEW, damit Copilot die Daten zusammenfassen kann. Du kannst also gezielt Labels bauen, die das Lesen erlauben, Copilot aber außen vor lassen.

DLP geht noch einen Schritt weiter. Seit dem Rollout ab Ende Juni 2025 ist DLP für Microsoft 365 Copilot allgemein verfügbar und kann gelabelte Inhalte von Copilot-Antworten ausschließen. Dazu kommt eine DLP-Variante, die sensible Daten direkt im Prompt erkennt. Sie startete als Preview, der Funktionsumfang wächst laufend. Prüf hier den aktuellen Stand in deinem Tenant.

LIZENZFALLE IM MITTELSTAND

DLP für Copilot braucht neben der Copilot-Lizenz Microsoft 365 E5 oder Gleichwertiges. Mit Business Premium allein bist du hier raus.

Ich vertiefe Purview hier bewusst nicht bis ins letzte Detail, das ist ein eigener Artikel. Für den Copilot-Rollout reicht als Faustregel: Labels sind die Grundvoraussetzung, DLP ist die Ergänzung, SAM ist das Aufräum-Werkzeug.

Teams-Governance nicht vergessen

Der Fokus liegt oft auf SharePoint, weil dort die großen Zahlen entstehen. Teams verdient trotzdem eigene Aufmerksamkeit. Prüf zuerst, welche Teams öffentlich sind und vertrauliche Inhalte enthalten. Private und Shared Channels haben eigene SharePoint-Sites mit eigenen Berechtigungen. Das führt regelmäßig zu Überraschungen, weil sie bei Prüfungen gern übersehen werden.

Bei Gastzugängen gilt: Teams selbst hat keinen Ablaufschalter. Du arbeitest mit Ablaufrichtlinien für Gastzugriffe in SharePoint und OneDrive sowie mit Entra Access Reviews. Access Reviews decken alle Microsoft-365-Gruppen und Teams ab, aber keine eigenständigen SharePoint-Sites. Plan dafür Entra ID P2 beziehungsweise Entra ID Governance ein.

Was neu ist: Admin-Agenten als Unterstützung

Microsoft bringt die Agenten jetzt auch auf die Governance-Seite. Mit dem SharePoint Admin Agent fragst du im Chat nach überteilten Sites und stößt Reviews an. Microsoft betont dabei, dass der Agent analysiert, Empfehlungen gibt und sichere Aktionen ausführt, destruktive Schritte wie das Löschen von Inhalten aber beim Admin bleiben.

Die Richtung ist nachvollziehbar: Wenn Copilot das Auffinden von Daten beschleunigt, braucht die Governance ebenfalls Tempo. Trotzdem gilt: Halt die Augen im Message Center offen. Der Funktionsumfang wächst gerade schnell, und kein Agent nimmt dir die Entscheidung ab, was wirklich vertraulich ist.

Das konkrete Vorgehen vor dem Rollout

In der Praxis hat sich bei uns diese Reihenfolge bewährt:

1 · Breite Berechtigungen zuerstSnapshot-Berichte ziehen und „Jeder außer externen Benutzern”, öffentliche Sites und öffentliche Teams mit sensiblen Inhalten angehen.
2 · Site Access Reviews gezielt startenKampagne für die zehn bis zwanzig Sites mit dem höchsten Risiko, nicht für alle 400 auf einmal. Das erschlägt jeden Owner.
3 · Standards nachschärfenStandard-Linktyp auf „Bestimmte Personen” umstellen und Gastzugänge prüfen.
4 · Dann erst CopilotCopilot für die Pilotgruppe aktivieren, wenn der erste Aufräum-Durchgang abgeschlossen ist. Nicht vorher.
FAZIT · FERDI-STYLE

Der Espresso-Moment in diesem Projekt war für mich nicht die Zahl 600. Es war der Satz des IT-Leiters, als wir die Liste durchgegangen sind: „Das war doch schon immer so.” Genau das ist der Kern. Oversharing ist kein neues Risiko, das mit Copilot entsteht. Es ist ein altes Risiko, das bisher niemand ernst genommen hat, weil niemand hingesehen hat.

ESPRESSO-MOMENT

Copilot ist kein Sicherheitsrisiko. Copilot ist ein Belichtungsmesser für eine Governance, die es schon immer entweder gab oder eben nicht gab.

DAS NIMMST DU MIT
  • Zieh die Data-Access-Governance-Berichte, bevor du auch nur eine Copilot-Lizenz zuweist. Starte mit „Jeder außer externen Benutzern” und öffentlichen Sites, nicht mit den Links.
  • Starte Site Access Reviews für die Sites mit dem höchsten Risiko zuerst, nicht flächendeckend.
  • Stell den Standard-Linktyp auf „Bestimmte Personen” um.
  • Nutze Restricted Content Discovery gezielt für Sites, die zugänglich bleiben, aber nicht in Copilot auftauchen sollen.
  • Prüf öffentliche Teams, private und Shared Channels sowie Gastzugänge mit Ablaufrichtlinien und Access Reviews.
  • Setz Sensitivity Labels als Grundschicht und prüf eure Lizenzen, bevor du über DLP nachdenkst.
  • Aktivier Copilot für die Pilotgruppe erst nach dem ersten Aufräum-Durchgang, nicht parallel dazu.

Ich habe zu diesem Thema auch einen Post auf LinkedIn veröffentlicht. Wenn du eigene Oversharing-Geschichten aus deinem Tenant hast, schreib mir dort, was bei dir aufgetaucht ist, als du zum ersten Mal genau hingeschaut hast.

Diese Röstnotiz teilen

Ferdi Lethen-Oellers
Ferdi Lethen-Oellers

Senior Modern Workplace Consultant bei der amexus, Microsoft MVP, Autor von „Microsoft 365 Administration für Dummies“.